Sonntag, 16. November 2025

Das ultimative Monatsranking

Kommt es euch auch so vor, als lebten wir in einem ständigen Kreislauf? Alles kommt zurück: verrückte US-Präsidenten, Low-Waist Jeans, die Wehrpflicht und auch Janphetamin.blogspot.com. In dieser Grundkomponente der menschlichen Erfahrung sind die Jahreszeiten eine Art Anker und der Grundkreislauf all dieser Wiederholungen und Spiralen. Im dunklen zur Arbeit und zurück zu fahren mag ermüdend sein, doch ist da die Gewissheit, dass es in einigen Monaten wieder angenehm ist, die Wäsche schnell trocknet und Regen wieder erfrischend ist. 

Man könnte hieraus schon meine Meinung zum aktuellen Monat erlesen. Ich habe zumindest die spontane Inspiration bekommen, alle 12 Monate einzustufen. Unseriöse Quatschmedien haben das bereits getan, aber meine Meinung ist bekanntlich die richtige. Darum gibt es nun das ultimative Ranking aller Monate, angefangen beim schlechtesten. Vielleicht erkennt ihr ja, welche Jahreszeit mir die liebste ist.

 

Platz 12: Februar

Den Februar überhaupt mit einem Platz in dieser Liste zu beehren ist schon fragwürdig. Diese eisigen vier Wochen sind ein Lückenfüller, der gelegentlich verlängert wird, um die paar Stunden Unwucht bei der Sonnenumrundung unseres Heimatplaneten auszugleichen. Der nächste Bitte!

Der Harz im Februar 2024. Noch Fragen?

 

Platz 11: Januar 

Der einzige Feiertag des Januars dient der Hälfte der Bevölkerung zum Auskatern, na super. Manche Bundesländer freuen sich über die heiligen drei Könige, Niedersachsen gehört nicht dazu. Zur Ehrenrettung diesen grauen Elends trägt die ausgehende weihnachtliche Pracht in der ersten Woche bei. Ohne dieses nette erste Viertel wäre der Januar ein Februar in voller Länge. Na super.

Meine Göttinger Alma Mater im Januar. Eine Schneedecke macht dieses Monat in der Regel erträglicher.

 

Platz 10: März

Der März ist nichts halbes und nichts ganzes, weder Winter noch Frühling. In der letzten Woche kündigt sich der Frühling an, Krokusse und Schneeglöckchen erfreuen die Seele. Aber das reicht nicht für einen Platz oberhalb des letzten Drittels. Mein Geburtstag ist zwar ganz nett, aber dieses Ranking ist selbstverständlich objektiv, weswegen ich den nur teilweise in die Wertung einbeziehen möchte. 

Der Göttinger Zentralcampus in der letzten Märzwoche (aber nur wenn es im sog. Vormärz keinen Frost mehr gab)

 

Platz 9: April 

Der April ist hier, weil er meistens das Osterfest beinhaltet. Ansonsten sind die Knospen an den Bäumen und die Blüten des Frühlings ganz nett, doch erst im Mai kommt das Frühjahr so richtig zur Geltung. Das Aprilwetter wird romantisiert, meistens ist es einfach nur schlecht. 

April im Harzvorland
 
Die guten Apriltage können sich wie der Juni anfühlen. Leider sind die aber nur ein Viertel aller Apriltage.

Platz 8: November

Ursprünglich wollte ich den November auf den letzten oder vorletzten Platz dieser Liste verbannen. Ich bin überhaupt erst auf die Idee für diesen Post gekommen, weil ich mich über dieses Schmuddelwetter aufregen wollte. Doch je länger ich über den November nachdenke, desto mehr kann ich seine Qualitäten zumindest anerkennen. Der November ist ein Monat, der zum Innehalten und Andenken einlädt. Es ist kein Zufall das Termine und Anlässe wie der Volkstrauertag, Allerseelen oder der Totensonntag im November begangen werden. In gewisser Weise ist er auch der deutscheste Monat, grau und ernst. Alleine über den 9. November könnte man Bücher schreiben - hat man auch. Der 9. November steht für das Scheitern der Märzrevolution, das Ende der Kaiserzeit und des Ersten Weltkriegs, den Beginn der ambivalenten Zwischenkriegszeit, die grauenhaften Novemberprogrome 1938 und die Hoffnung und Zuversicht angesichts des Mauerfalls. Ganz abgesehen davon ist Grünkohl eine super Sache und die Karnevalszeit beginnt - wer's mag.

Typisch November ist es auch, den Monat beim Nachdenken respektieren zu können. Insgesamt ist es doch gut, dass es den November gibt



Platz 7: August

Der Sommer auf Steroiden. Hitzewellen, Waldbrände und manche freuen sich sogar schon auf die Schule. Aber den Sommer zu lieben heißt auch den August lieben (zu müssen). Und er hat auch was, der August: verschwitzt stehe ich vorm Grill und verstehe, warum die Atzteken und die alten Ägypter die Sonne als eine Gottheit betrachtet haben. Ich muss mich manchmal dafür rechtfertigen, dass ich lieber schwitze als zu frieren. Ohne die Sonne sind wir nix. Können ca. 10.000 Jahre der sesshaften Kultur falsch liegen?

August im Deister, es könnte schlimmer kommen

 

Platz 6: Juni

Die Aufwärmphase des Sommers, wenn die Genüsse des Mai schon vergangen oder langsam zur Gewohnheit geworden sind. Er bietet einen guten Einstieg in dem Sommer und ist oft gut mit Feiertagen und langen Wochenenden bestückt. Ich weiß nicht womit man direkt gegen den Juni argumentieren könnte, er liegt auf diesem immer noch starkem Platz, weil sein Nachfolger all seine positiven Aspekte und Freuden nochmals intensiviert.

Juni im Weserbergland, am saftigen grün des Junis kann man sich kaum sattsehen.

Platz 5: Dezember

Der höchstplatzierte Wintermonat lädt zur Besinnung ein - ich bin ein Freund der Adventszeit und des Weihnachtsfests. Wer es hedonistischer mag, kommt hier aber auch auf seine Kosten: Silvester und die Feiertage laden zum Schlemmen ein. Der Dezember hat quasi sein eigenes Genre der Kulinarik. Wer bei Punsch, Glühwein oder Geflügel mit Rotkohl und Klößen beisammen sitzt, kann dem Dezember ganz bestimmt einiges abgewinnen. Lediglich das Wetter könnte besser sein, doch irgendwie passt es auch zu diesem Monat. 

So macht man das meiste aus dem Dezember: besinnen, Heißgetränk und eine ruhige Kugel schieben.

Platz  4: Mai

Der Mai ist der Frühling in Bestform. Es wird wirklich grün, es blüht und man hat dabei auch noch recht viel frei! Wusstet ihr, dass Himmelfahrt auf den ersten Mai fallen kann? Alle Werktätigen können diesbezüglich aber unbesorgt sein: das passiert erst 2160 wieder. Richtig gehandhabt, verwöhnt der Mai mit Köstlichkeiten wie Rhabarber, Spargel, Radieschen oder einem zünftigen Maibock zum frisch Gegrillten. Der Mai ist als Genießermonat ein Fest für alle Sinne.

Sogar der ramponierte Harz vermag es sich in Bestform zu präsentieren. Der Mai macht's möglich.

Platz 3: Oktober 

Was könnte besser zur Bronzemedaille passen als der Oktober. Der rötliche Monat, der oft ins Goldene übergeht. Er beglückt uns mit zwei Feiertagen (die nächstes Jahr grauenhafterweise auf den Samstag fallen!) und startet angenehm in den Herbst. Manchmal sogar mit einem letzten Aufbäumen des Sommers. Die Blätter werden bunt, der Wind ist aber noch auszuhalten. Später wird's gemütlich, andächtig und angenehm schauerig. Der goldene Herbst wird hier zwar "nur" Dritter, doch ich weiß ihn zu schätzen.

Ein bekennender Oktoberfan mit Gemüse der Saison

Goldener Oktober in Göttingen.

Platz 2: September

Als Lückenfüller verspottet ist der September für mich der Vizemeister unter den zwölf Monaten. Ganz ohne Feiertage schließt er die Klammer um den härtesten Sommermonat. September ist, wenn wir uns zwar einen Pulli mitnehmen, aber ihn abends doch noch nicht brauchen. Kenner (meist ohne Kinder) verreisen im September. Wer sowas wie Sommerferien hatte, ist im September noch entspannt, Klassenarbeiten gab's eher im Oktober. Wären im September schon all die Mücken tot, wäre er bestimmt mein Platz 1.

September in der Hauptstadt

Und in der Region Hannover. Eindeutig Sommer.

Platz 1: Juli 

Der Juli hat keine Feiertage - aber die braucht er auch nicht. Er ist der Sommer in Höchstform, und feiert damit das Leben an sich. Die Sommerferien, in unserer Gesellschaft schon vom Kindesalter an eine Zeit der Freiheit (hoffentlich), sind im Juli noch nicht langweilig. Man hat noch nicht alle Eissorten durchprobiert. Eine Hitzewelle wird meist erst im August unaushaltbar. Für mich ist der Juli die beste Zeit des Jahres, ich radel in meinen Latschen, Shorts und Hawaiihemd zur Arbeit, weil der Sommerurlaub primär eine Geisteshaltung ist, keine Reise. Selbstbenannt nach einem prägenden Mann der römischen Geschichte, hat er die perfekte Welle besungen und ist für mich mit Lebensfreude, kühlen Getränken und Nächten am Lagerfeuer verbunden. Ich liebe den Juli.

Mir doch egal dass hier überall Mücken sind! Dieses Foto wurde im Juli aufgenommen.

 


 

 




Donnerstag, 1. Februar 2024

Mein Lieblingsbier für diese Zeit: Bergbräu Dunkel aus Uslar

Wer mich auf Snapchat zu seinen Freunden zählen kann, kennt vielleicht Jans (fast) täglichen Biertest. Wer nicht verpasst aber eigentlich auch nicht viel. Ich mag Bier, und ich teste gerne Biere die man nicht überall bekommt oder trinkt. "Problem": so oft trinke ich Bier gar nicht. Und wenn, dann oftmals nichts ungewöhnliches. Hier in Göttingen ist das oft Nörten-Hardenberger, das günstige Partybier der Studierenden. Eines dieser Getränke, die man nicht alleine trinkt. Dabei kann Bier etwas besonderes sein, ich verbinde gewisse Gefühle mit gewissen Bieren. Das leichte Einbecker Brauherren ist mein Lieblingsbier im Sommer, ein Pils das für den Genuss in der Sonne gebraut wurde, angenehm herb erfrischt und nicht zu Kopf steigt (ich stehe als Werbetexter zur Verfügung, zumindest bei finanzieller Gegenleistung, Einbecker). Ein Kölsch, 0,2l, ganz klassisch, trinke ich nur in der Kneipe. Für mich ist es Geselligkeit, Kölsch ist so ein angenehm unkomplizieres Getränk. Das Zwickl bei Oma und Opa wenn wir nach dem Mittagessen Fußball gucken. Ihr wisst jetzt was ich meine, oder?

Ich verbinde gute Gefühle mit Einbecker Brauherren. Es wird bei uns in der Mensa verkauft, aber eigentlich hole ich es mir dort nur zu besonderen Anlässen, wie hier.

Die kleinen Freuden im Leben sind oft die schönsten. Deswegen möchte ich hier mein Lieblingsbier für diese Jahreszeit empfehlen: das Uslarer Bergbräu Dunkel. Und das ganze hier ist Jans nicht wirklich regelmäßige Bierempfehlung. Tatsächlich habe ich das gute Bergbräu schonmal auf dem anfangs genannten Snapchatformat empfohlen. Hier die damalige Rezension:



Eigentlich kann ich den Post damit schon beenden, ist alles gesagt. Aber ein paar Zeilen zum guten Bergbräu hab ich noch. Ich mag dunkles Bier am liebsten in der kälteren Hälfte des Jahres. Schon visuell erfreut die warme, bräunliche Farbe und nach dem Ploppen des Bügelverschlusses (objektiv die beste Form des Flaschenverschlusses) kann man in der Nase den Duft der Röstaromen verspüren. Damit alle Sinne etwas davon haben empfehle ich das Ohr ans Bierglas zu halten während die Krone sich langsam auflöst und dabei dem Prickeln der Schaumbläschen zu lauschen. Das macht einen auch zu einem Hingucker auf Partys.

Ein paar Worte zum Design der Flasche: ich finde es ganz nett. Die verschiedenen Sorten der Uslarer Brauerei sind farblich codiert und modern schlicht. Es handelt sich eben nicht um Tripple Pineapple Oatmeal Stout aus irgendeiner Craftbierbude für 7€.

Und dann der erste Schluck. Der malzige Charakter von dunklem Bier kommt zur Geltung, kombiniert sich mit einer kräftigen Würze und bleibt dabei doch ausgeglichen und überwältigt nicht. Bergbräu Dunkel weiß wann Schluss ist, wenn man möchte kann man es in kurzer Zeit austrinken ohne von der Intensität überwältigt zu werden. Genauso gut kann man es aber auch langsam neben dem Essen trinken, oder einfach nebenbei Abends am Schreibtisch. Klare Empfehlung meinerseits. Es passt dementsprechend zu kräftigen, herzhaften Speisen, Winteressen halt. Klöße, dunkle Sauce, vielleicht sogar etwas Wild. Oder halt einfach zum Abendbrot.

Warum ich es auch noch empfehle? Es kommt aus der Region in Südniedersachsen (Uslar ist eine kleine Stadt im Weserbergland, genauer gesagt im Solling) und wird von einer unabhängingen Brauerei hergestellt. Viele der großen Brauereien, die z.B. Fernsehwerbung schalten, gehören großen Konzernen, oder führen diese. ABInBev aus Belgien besitzt zum Beispiel Hasseröder, Beck's und Spaten. Dr. Oetker besitzt Radeberger. Krombacher ist riesig, Oettinger ebenfalls. Es ist nichts verwerfliches daran Biere von diesen Unternehmen zu trinken und lecker zu finden, aber ich unterstütze gerne die Underdogs und die regionale Lebensmittelproduktion. Und das Beste kommt zum Schluss: mein Lieblingsgenussbier im Winter kostet nichtmal einen Euro pro Flasche. Im Angebot kann man den 20er Kasten für 11 Euro erstehen, zum Vollpreis kostet eine Flasche etwa 80 Cent, wenn ich mich recht entsinne.

In meinem Keller steht diese kleine Freude des Alltags in einem Kasten, ich trinke es gar nicht mal so oft, da ich den Alkoholgenuss nicht zur Gewohnheit machen möchte. Dadurch wird jede Flasche Bergbräu Dunkel die ich mir öffne aber eben zu jener kleinen Freude. Und darum habe ich diesen Post eigentlich wirklich geschrieben: Nicht nur um mein Lieblingsbier zu empfehlen, sondern auch als so eine Art Liebeserklärung an die kleinen Freuden des Alltags. Diese können wie hier ein leckeres Getränk sein, haben aber ganz viele Facetten. 


Und zum Schluss nochmal ein alter Biertest aus dem beliebten Snapchatformat Jans (fast) täglicher Biertest aus 2021, nur damit ihr wisst was ihr da eigentlich alle paar Wochen (nicht) verpasst:

Ein bayrisches Erzeugnis, ich glaube an sich war's ganz gut


 

Samstag, 21. Oktober 2023

This is Going to Hurt - die andere, britische Krankenhausserie

Wusstet ihr dass ich noch nie  eine Nacht im Krankenhaus verbracht habe? Ich hatte noch nie dieses zweifelhafte Vergnügen, Ich bin noch nicht mal in einem geboren. Ich wohne zwischen zwei Krankenhäusern, besonders das Göttinger Uniklinikum ist ein riesiger Komplex. Moderne Krankenhäuser stehen wie gewaltige Fabriken in unseren Städten, doch auch irgendwie abgekapselt von der Gesellschaft. Was im Krankenhaus passiert, bleibt im Krankenhaus. Zumindest fühlt es sich manchmal so an. Es ist einfach angenehmer die Krankheiten, Unfälle und die harten Arbeitsbedingungen in den Krankenhäusern auszublenden. Das ist in gewisser Weise sehr menschlich und marktwirtschaftlich auch so gewollt. Dann doch lieber eine Krankenhausserie - in Grey's Anatomy sterben mehr Ärzte (die untereinander ein Geflecht an Affären und Ex-Beziehungen haben) als Patienten. Scrubs war eine lockere Comedy. In aller Freundschaft ist mittlerweile älter als ich aber scheint dementsprechend eine Menge Zuschauer zu haben.

Aber das ist halt alles nicht echt. Krankenhaus ist hart, stressig, blutig - ich weiß dass, ich habe vor kurzem nämlich eine gute Krankenhausserie geschaut. This is Going to Hurt ist eine BBC-Produktion aus dem letzten Jahr macht das Ganze britisch und anders. Aktuell kann man das noch in der ZDF-Mediathek streamen, also macht was aus euren Rundfunkgebühren und fangt an die erste Folge zu laden. Ich erzähle euch jetzt erstmal, warum sich das lohnt.

 

Adam, Protagonist: chronisch überarbeitet und britischer Zyniker bis ins Mark

Wir folgen Dr. Adam Kay, Arzt in einem potthässlichen öffentlichen englischen Krankenhaus. Er arbeitet dort in der Gynäkologie und führt eigentlich in jeder Folge mehrere Kaiserschnitte durch. Von Anfang an portraitiert das Comedy-Drama den Alltag auf der Station schonungsloser als die meisten Krankenhausserien. Adam arbeitet wahrscheinlich 80 Stunden pro Woche, die Gynäkologie ist im schlechten Zustand, es herrscht gravierender Personalmangel. Durch die Unterfinanzierung hat er nicht genügend Arbeitskleidung, es kommt direkt der nächste Einsatz und der wird dann eben blutbeschmiert durchgeführt. Adam hat auch so eine Art des Helfersyndroms, in welchem er dann doch immer einspringt, um dann bei der Arbeit aber auch ganz viele fiese Sprüche zu klopfen. In 7 Folgen à 45 Minuten begleiten wir Adam. Er wird von Körperflüssigkeiten bespritzt, ist kein besonders guter Lehrer für seine anfangs schüchtere Assistenzärztin Shruti und seine Beziehung leidet unter seinem Stress und Schuldgefühlen, und oft verhält er sich halt auch wie ein - immerhin sarkastisches - Arschloch. Anders gesagt...

Bei Adam läuft's nicht. Nicht nur ist sein Job stressig, auch privat ist es bestenfalls mittelmäßig. Seine reichen Eltern intressieren sich nicht für ihn, er ist ungeouttet schwul und die Beziehung zu seinem Freund Henry leidet unter Adams Arbeit und seinen Traumata. Nicht nur das, Adam scheint so ziemlich unfähig Henry von seinen Schuldgefühlen zu berichten, nachdem er eine Patientin zu früh entlässt, was in der Geburt eines Frühchens resultiert. Kennt ihr diese Filme oder Serien in denen man einem Charakter am liebsten richtig die Meinung geigen würde? This is Going to Hurt ist eine dieser Serien. Und trotzdem guckt man weiter. Dafür sorgt auch der typisch britische bissige und trockene Humor. Dank ihm bleiben wir dran wenn Adam Kaiserschnitte vollführt, zweifelhafte Objekte aus Körperöffnungen birgt (Gynäkologie!), Leben rettet oder sich von seinem Umfeld entfremdet, da es seine harte Arbeit nicht versteht und Adam selbst nicht mehr genau weiß warum er all das tut.

Der galgenhumorige Zynismus ist je nach Betrachter auch eine Schwachstelle der Serie: die Charaktere wirklich zu mögen fällt eventuell schwer. Der Umgang zwischen überarbeiteten Ärzten und Pflegekräften ist rau und von Sprüchen und Sticheleien geprägt. Zum Glück auf die britische Art - die Wissen einfach wie man so richtig schön flucht. Guckt die Serie deswegen wenn möglich auf Englisch. Ich finde Zynismus schnell anstrengend, aber immerhin sind zynische Briten die witzigsten ihrer Art. Muss man aber halt mögen. Stark gespielt sind die Charaktere allemal, Ben Wishaw als Dr. Adam Kay und Ambika Mod als Assitenzärztin Shruti Acharya  brillieren in ihren Hauptrollen, auch am Rest vom Cast gibt's nix zu Meckern. Der Gentleman und Chefarzt Dr. Lockhart (Alex Jennings) machte immer eine kleine Freude wenn er auf dem Bildschirm auftauchte. Die Serie deckt verschiedene Aspekte des englischen Habitus (poshe Gentlemans bis prollige Lads) ab, und für sowas habe ich ein Faible.

Von Schuld geplagt und vom Stress gezeichnet fällt es Adam schwer abzuschalten. Wie verwerflich ist es unter diesen Umständen, sich wie ein Arschloch zu verhalten?


Innerhalb eines Systems das seine Mitarbeiter verschleißt entwickelt sich Shruti zu einer kompetenten und abgestumpften Ärztin



Technisches

This is Going to Hurt bedient sich eines interessanten Stilmittels, welches Serienfans z.B. aus House of Cards kennen - dem Durchbrechen der Vierten Wand. Soll heißen: Adam spricht manchmal zu uns, dem Publikum. Immer nur ein paar Sätze pro Folge, aber der zynische und oft mit Blut befleckte Arzt erklärt uns auf seine britisch-sarkastische Weise medizinische Umstände. Das ist tatsächlich glaubwürdiger als Pseudo-Arztsprech aus amerikanischen Serien. Diesen Kniff der Narration einzusetzen zeugt aber auch von handwerklichen Talent der Autoren und der Regie der Serie, denn sowas kann schnell in die Hose gehen und dann unpassend oder unterbrechend wirken.

Ich mag an britischen Serien dass die Schauspieler dort normaler aussehen. Überarbeitete Menschen sehen müde aus, haben eine schlechte Haut und all das. In den meisten amerikanischen Produktionen sind die Schauspielerinnen und Schauspieler doch immer normschön. Und deutsche Produktionen haben immer diesen ganz besonderen Look und dieses ganz besondere Feeling in der Schauspielerei. Das ist kein Kompliment! Aber natürlich gibt's auch gute deutsche Filme und Serien. Was ich sagen will: ich mag den Stil von This is Going to Hurt. Ein authentischer Stil, und passend zum Grundton der Serie auch angemessen kalt.
Chefarzt Nigel Lockhart (Alex Jennings) und Hebamme Tracy (Michele Austin) sind kleine Highlights der Serie

 

Aber ich empfehle euch die Serie nicht nur weil sie mich unterhalten hat

Eigentlich ist die Serie eine Anklage des kläglichen Zustands im britischen Gesundheitssystem NHS. Der National Health Service des Vereinigten Königreichs ist auf den ersten Blick recht einfach zu verstehen: durch Steuergelder wird die Gesundheitsversorgung bezahlt. Hausärzte und Krankenhäuser kosten dementsprechend nix und und Max Musterfellow hat im Gegensatz zu uns Deutschen nicht die Wahl aus einem Haufen öffentlicher Krankenkassen die eigentlich das Gleiche anbieten, aber irgendwie auch nicht. Der NHS bekommt sein Geld primär vom britischen Gesundheitsministerium, nicht wie das deutsche durch Versicherungsbeiträge. Der NHS ist dabei eine gewaltige Maschinerie, 1.5 Millionen Briten arbeiten für das staatliche Gesundheitssystem. Ein Problem dabei ist aber, dass der NHS unter einer rigiden Haushaltsführung stärker leidet als unser Versicherungssystem, denn weniger Geld im Haushalt der Regierung kann der NHS nicht durch mehr Versicherungsbeiträge kompensieren - diese Versicherungen gibt es schließlich nicht. Genau das ist in Großbrittanien passiert, spätestens seit 2012 durch Einsparungen der Tory-Regierung (damals noch unter James Cameron, der auch mächtig Schuld am großartigen Brexit hat). Dem riesigen Arbeitsgeber fehlt es aufgrund schlechter Arbeitsbedingungen bei mäßigem Gehalt an Arbeitskräften, durch den Sparzwang leidet die Qualität der Gesundheitsversorgung seit 2013. Hier was vom Guardian dazu. 

Aber keine Sorge, wer Kohle hat kann schließlich zu privaten Krankenhäusern wechseln. Auch das wird in der Serie thematisiert, Adam übernimmt dort für kurze Zeit eine Schicht und genießt die besseren Arbeitsbedingungen. Nur um dann zu merken, dass hinter der schicken Fassade keine Vorbereitung auf den Ernstfall steckt. Die teure Privatklinik hat nicht genügend Blutkonserven, das Personal ist bei Stress schneller überfordert - und schickt die zahlungskräftigen Privatkunden dann doch zum NHS, der täglich für lau Leben redet.

Trotz der grausigen Arbeitsbedingungen im britischen Gesundheitswesen dachte ich mir beim Schauen, dass ein solidarisch finanziertes Gesundheitssystem in öffentlicher Trägerschaft doch eine der besseren Ideen der Menschheit ist. Denn trotz allem funktioniert das potthässliche St. Claire's Hospital. Trotz allem funktioniert unser Gesundheitssystem doch irgendwie. Der Zyniker Adam, die übermüdete Shruti oder die labile Hebamme Trace machen dennoch hingebungsvoll ihre Arbeit. Wahrscheinlich wäre die Versorgung der Patienten noch besser, würden die Ärzte und Pflegekräfte nicht ausgebrannt werden.

Der fünftgrößte Arbeitgeber der Welt, der NHS, kann seine Verluste an Arbeitskräften kaum kompensieren. Für immer mehr ist die harte Arbeit das Geld nicht wert. Ein Screenshot vom Guardian, eine der besseren britischen Zeitungen.


Volkswirtschaftliche Geniestreiche wie der Brexit taten ein übriges, wobei die Serie in den 2000ern spielt (gut zu Erkennen an den benutzten Handys) und der Brexit dementsprechend irrelevant ist. Die Situation in britischen Krankenhäusern war schon vorher prekär, wenn man dann auch noch Tausende von (meist osteuropäischen) Pflegekräften vergrault wird die Situation nicht besser. Tendenziell eben doch eine ganz passable Idee, die EU, trotz Fehlern in der Ausführung. 

Es ist schon okay dass von This is Going to Hurt keine zweite Staffel erscheinen wird. Das Quellmaterial ist ausgeschöpft. Nicht nur basiert die Serie auf einem gleichnamigen Buch, Dr. Adam Kay gibt es wirklich und er hat dieses Buch geschrieben und jetzt auch die Serie dazu. Der echte Adam Kay hat bis 2010 als Arzt für den NHS gearbeitet, dann hat er es nicht mehr ausgehalten. Beim Schauen der Serie versteht man warum.

Zuletzt ist die Musik der Serie solide ausgewählt. Britischer Indie z.B. von Maximo Park oder Florence + the Machine, gefällt mir. Kurzgesagt: Gute Serie. Definitiv wert ihr eine Chance zu geben, auch wenn man mit dem Genre Krankenhauskram eigentlich nichts anfangen kann. Ich hoffe deutsche Produzenten würden sich so eine Produktion trauen, die Serie könnte auch in einem deutschen Krankenhaus funktionieren. Immerhin gibt es gute Reportagen von der harten Arbeit in unseren Krankenhäusern. Schaut mal bei Charité intensiv rein. Oder hört halt denen zu, die im Gesundheitswesen arbeiten. Die wirklichen Leistungsträger unserer Gesellschaft tragen oft keine schicken Anzüge.


Um dem britischen Tagesgeschehen zu folgen empfehle ich neben dem Guardian auch Jonathan Pie. Schonungslos britisch geht dieser Satiriker mit der konservativen Tory-Regierung ins Gericht. Weil diese eben keine Schonung mehr verdient hat. Ansonsten: diese Arte-Reportage. Das britische Volk leidet unter der Gier und Unfähigkeit seiner Regierung und Konzerne, Lichtblick sind die helfenden Menschen direkt bei den "sozial Schwachen".

Aber erstmal schaut ihr jetzt This is going to Hurt.



Dienstag, 31. Mai 2022

Mit dem blauen Vogel in die Radikalisierung: begünstigt Twitter die Bildung von Filterblasen?


Vorweg: bei diesem Post handelt es sich wieder um einen Essay, den ich für die Uni geschrieben habe. Das kann man ein bisschen faul finden, aber mein Dozent fand ihn "ansprechend und differenziert dargestellt", deswegen möchte ich ihn euch nicht vorenthalten. Tatsächlich habe ich sogar das Feedback meines Dozenten eingebaut, ihr lest hier also eine bessere Version, die weniger nach Schulaufsatz klingt. Viel Spaß mit meinem Essay aus dem Seminar zu Medienkompetenz für Sozialwissenschaftler, bei dem ihr lernt, dass es sich nicht lohnt, einen Twitter-Account zu erstellen.
Hier hat der neue Chef ausnahmsweise etwas durchdachtes getweetet.

Um den Twitter-Algorithmus zu veranschaulichen, muss man selbst nicht bei der Plattform angemeldet sein. Es genügt einen Tweet zu öffnen und zu den von der Plattform empfohlenen Tweets zu scrollen. Dort werden ähnliche Inhalte, zumeist von ähnlichen Usern, angezeigt. Dabei kann es sich um weitere Memes, Tiervideos oder Meinungen zum Eurovision Song Contest handeln. Oder aber um weitere politische Tweets, häufig mit einer ähnlichen Meinung, wie der des ursprünglichen Tweets. Twitter zeigt den Benutzer*innen hier ähnliches. In diesem Essay wird die Frage beantwortet, ob und wie Twitter für die Bildung von Filterblasen prädestiniert ist. Dabei soll nicht nur auf die Algorithmen von Twitter eingegangen werden, sondern auch auf weitere Funktionsweisen der Plattform.

Zunächst zum  Begriff der „Filterblase“. Dieser wird im öffentlichen Diskurs zwar oft verwendet, seine genaue Bedeutung ist jedoch nicht immer bekannt. Eli Pariser prägte den Begriff Filterblase 2011. Darunter versteht der US-Amerikaner einen, von Internetplattformen durch personalisierte Filter beeinflussten, selektiven Konsum digitaler Medien (Vgl. Pariser, 2012, 62-63). Drei Merkmale unterscheiden die Filterblase im Internet demnach von einem selbst gesteuerten Konsum von Medieninhalten. Zunächst ist die Filterblase dank Algorithmen individuell auf die User ausgerichtet. Durch die Singularität unserer eigenen Filterblase – kein anderer User sollte ein absolut identisches Profil für die Algorithmen haben – sieht Pariser die Gefahr einer Entfremdung zwischen den Menschen, welche zunehmend unterschiedliche Inhalte konsumieren. Zudem sind Filterblasen intransparent und unsichtbar. Das von den Internetplattformen erstellte Profil eines Users wird diesem nie gezeigt oder erklärt. Folglich arbeiten die Plattformen und ihre Algorithmen nur mit Annahmen über die Nutzer*innen.  Die letzte Dynamik der Filterblasen ist der Eintritt in diese: dieser geschieht unfreiwillig mit dem Nutzen der Plattformen und ist nicht zu widerrufen, da die Plattformen von den Filterblasen profitieren (Vgl. Pariser, 2012, 63). Pariser befürchtet, dass die personalisierten Inhaltsanpassungen, welche Onlinedienste über Algorithmen erstellen, zu einer repetitiven „Ich-Schleife“ führen, in welcher Nutzer*innen nur gezeigt wird, was diese vermeintlich sehen wollen – basierend auf dem, was sie bereits online gesehen haben. Überraschende Ausbrüche aus einer Filterblase, wie sie in der analogen Welt passieren, sind dabei nicht vorgesehen (Vgl. Pariser, 2011, 135).

Die Filterblase passt sich also den eigenen Gewohnheiten an. Besonders auf politische Inhalte bezogen kann diese Ich-Schleife in der Filterblase zu einer Radikalisierung führen. Sie ermöglicht ein Ausblenden der politischen Gegenseiten, oder differenzierteren Berichten und Ansichten, während die eigenen Ansichten kontinuierlich durch konforme Inhalte untermauert werden.

Twitter, aber auch die anderen großen Social-Media-Plattformen, bieten die Möglichkeit der politischen Ich-Schleife, die lediglich die eigenen Ansichten bestätigt und Widersprüche ignoriert oder ihnen die Legitimität abspricht (Vgl. Potter, 2020, 9). Viele Politiker*innen und Aktivist*innen versuchen bewusst die Algorithmen der Plattform zu nutzen, um Aufmerksamkeit auf ihre Themen zu lenken, besonders mithilfe von Hashtags, über welche wiederum auf anderen Medien berichtet und diskutiert wird. Dabei benutzen nicht alle Aktivist*innen und Politiker*innen auf Twitter die Plattform zur Radikalisierung, es handelt sich dabei um eine auffällige, laute Minderheit.

Über Twitter wird Agenda-Setting betrieben, diese Aktivität erstreckt sich auf eine Vielfalt von Akteuren. Über Hashtags werden Trends gesetzt, durch Berichterstattung in anderen Medien, etwa dem linearen Fernsehen oder Radio, kommen diese Trends in der analogen Welt an. Exemplarisch hierfür steht etwa die Black Lives Matter-Bewegung, die 2013 mit dem Hashtag #BlackLivesMatter begann und sich stark über Twitter vernetzte und organisierte (Vgl. Potter, 2020, 246). 2008 nutzte das Wahlkampfteam von Barack Obama geschickt Facebook und Twitter und offenbarte damit, wie Wahlkämpfe in den kommenden Jahren geführt werden würden. Eine Spielart davon führte Donald Trump ab 2015 über Twitter zu einem Höhepunkt. In täglichen Schüben twitterte Trump gegen das politische Establishment der amerikanischen Parteien, gegen die Presse oder seine politische Konkurrenz und lobte sich parallel dazu in den Himmel. Stets begleitet von seinem Hashtag #MAGA, unter welchem sich seine Anhänger*innen vernetzten und organisierten. Viele dieser Trump-Anhänger*innen gerieten in eine Filterblase, in welcher Trumps Tweets die Grundlage bildeten. Die Politikwissenschaftlerin Claire Bond Potter bezeichnet diesen Teil der Anhängerschaft als „Political Junkies“, die auf Twitter ihre regelmäßige Dosis Trump erhielten – ungefiltert durch traditionelle Gatekeeper wie Nachrichtenredaktionen (Vgl. Potter, 2020, 269). Unterstützt wurden sie dabei von großen Mengen an Social-Bots und realen Trollen, die auf Twitter sehr aktiv sind und darauf abzielen, den Diskurs zu stören oder zu verfälschen (Vgl. Lobe, 2020, 270-271). Die Netzwerke von Trump-Unterstützer*innen dienen auch der sogenannten „Neuen Rechten“ als Plattform der Rekrutierung neuer Mitglieder, Twitter ist in die Social-Media-Strategie der rechten Aktivist*innen eingebunden: sie verstehen und nutzen die Funktionsweise der Plattform und ihrer Empfehlungsalgorithmen genauestens, um User so durch eine kontinuierliche Normalisierung extremistischer Inhalte, auf Gefühlen statt auf Fakten basierend, an ihre Bewegung heranzuführen (Vgl. Stegemann/ Musyal, 2020, 243).

 

Warum lässt sich Twitter für die Radikalisierung in Filterblasen nutzen? Hebt sich die Plattform dabei von den anderen großen sozialen Medien ab? Der bereits in seiner Funktion beschriebene Algorithmus ist zweifellos der Hauptgrund für die Entstehung von Filterblasen auf Twitter. Intransparent und detailgenau individualisiert zeigt er den Nutzer*innen nur, was diese, laut dem Algorithmus, sehen möchten. Es entsteht eine Schleife, in der aus dem vorher Gesehenen das zukünftig Gesehene abgeleitet wird. Zwar wissen viele Konsument*innen Sozialer Medien, dass sie von Filtermechanismen beeinflusst werden, die genauen Auswirkungen und Funktionen sind ihnen zumeist jedoch nicht bekannt (Vgl. Ovens, 2017, 17). Des Weiteren kostet es viele Benutzer*innen Überwindung, Filterblasen bewusst zu durchbrechen. Sie befürchten dabei zumeist einen Gesichtsverlust gegenüber den anderen Akteuren der Filterblase oder möchten nicht mit Inhalten in Berührung kommen, welche die eigene Ansicht nicht widerspiegeln (Vgl. Ebd., 17). Social-Media-Plattformen selbst haben Hemmungen die entmündigenden Filterblasen zumindest aufzuweichen, da die Erschaffung von Filterblasen um die User Teil des eigenen Geschäftsmodells sind.

Da sich Twitter über Werbeeinahmen finanziert, ist das Unternehmen daran interessiert, User möglichst lange auf der Website oder App zu halten. Je länger Tweets gelesen werden und je länger man mit anderen Usern interagiert, desto mehr Werbeanzeigen kann Twitter den Usern anzeigen. Dementsprechend groß sind die Hemmungen der Plattform, etwas gegen Filterblasen zu tun, selbst wenn sich dort Menschen radikalisieren. Gegenmaßnahmen könnten dazu führen, dass Nutzer*innen weniger Zeit auf Twitter verbringen, da sich die Plattform weniger wie eine Komfortzone anfühlt. Stattdessen wurden Features eingeführt, die Filterblasen und die Kontrolle der Algorithmen verstärken. Die Möglichkeit der Timelinesortierung nach den „besten Tweets“ wurde 2019 eingeführt, es ist möglich zwischen dieser und der klassischen chronologischen Sortierung auszuwählen. Diese Funktion zielt darauf ab, die durchschnittliche Zeit, die User auf Twitter verbringen, zu erhöhen. Der Algorithmus empfiehlt etwa Tweets, die von gefolgten Profilen gelikt wurden, gleichzeitig werden vermeintlich irrelevantere Tweets mit wenig Likes und Retweets in die unteren Teile der Timeline verlegt. Beim Scrollen sollen immer wieder Highlights und Entdeckungen einfließen. Die Filterblase kann so noch komfortabler gestaltet werden, denn Lückenfüller sind weiter zurückgedrängt, stattdessen gibt es noch mehr Inhalte, die einem gefallen könnten, zu entdecken. Je länger man durch die eigene Timeline scrollt, desto mehr Werbeanzeigen kann Twitter im Feed platzieren. Dies ist der Grund, warum Social-Media-Plattformen Filterblasen nur ungern durchbrechen: sie verdienen damit viel Geld. Besonders Twitter ist, als kleines Netzwerk unter den Social-Media-Giganten und einem vergleichsweise wenig profitablen Geschäftsmodell, auf die Werbeeinnahmen angewiesen. Dies könnte einer der heimlichen Hauptgründe sein, warum der Twitter-Account von Donald Trump erst im Januar 2021 gesperrt wurde, obwohl dort jahrelang Falschnachrichten und Hetze verbreitet wurden, die bei kleinen Accounts zu Sanktionen geführt hätten: die Twitter Aktivitäten des US-Präsidenten brachten der Plattform Aufmerksamkeit und neue Nutzer*innen, die dem Präsidenten auf seinem Lieblingsmedium folgen wollten. 


 

Im Vergeich zu facebook/ Meta verdient Twitter Peanuts. Die Umsätze von Janphetamin würden den Rahmen dieser Grafik sprengen, so unterhaltsam dieser Vergleich auch wäre.

Das Grundprinzip von Twitter funktioniert ebenfalls dank Filterblasen und verschafft den Usern die Befriedigung, die sie immer wieder zum Netzwerk zurückkehren lässt – wodurch sie mit Werbung in Berührung kommen und so Twitter finanzieren. Das Zentrum von Twitter bilden Tweets und Retweets, verbunden mit dem Liken von Tweets. Wenn andere Benutzer*innen die eigenen Tweets liken und retweeten schafft dies Gratifikation (Vgl. Burgess/ Baym, 2020, 106). Die eigenen Likes und Retweets sind zudem einsehbar. Für das Interagieren mit der Plattform wird man also von dieser belohnt, in Form von Likes, Retweets und Followern. Zugleich lernt der Algorithmus mehr über die User, indem analysiert wird, was diese liken und retweeten. Durch Interaktionen auf der Plattform wird die Filterblase also perfektioniert.

Das Grundprinzip des Microbloggings, welches Twitter auszeichnet, erschwert die Differenzierung, denn dafür ist innerhalb von (mittlerweile) 280 Zeichen oftmals nicht genügend Platz. Twitter ist im deutschen Raum für seinen rauen Umgangston bekannt. Es wäre zu einfach, dies auf die Limitierungen von Tweets zu schieben. Ein gewisser Einfluss des Zeichenlimits auf den Diskurs ist allerdings möglich.

 

Ist Twitter also prädestiniert für die Bildung von Filterblasen? Wie Eli Pariser bereits feststellte, befindet man sich in einer Filterblase, sobald ein Twitteraccount erstellt wird – die Algorithmen der Plattform lassen sich nicht deaktivieren. Für die eigenen Daten und die Möglichkeit, einem mehr und optimiertere Werbung zu zeigen, belohnt Twitter die User mit einer stetig verbesserten Filterblase, in der vermeintlich ungewünschte Inhalte immer konsequenter ausgeblendet werden. Dabei führt nicht jede Filterblase in eine politische Radikalisierung, dass Potenzial dafür ist aber gegeben. Das Phänomen der politischen Radikalisierung im Internet ist komplexer zu begründen als mit dem Algorithmus auf einer Plattform. Dieser Algorithmus kann dazu aber einen starken Beitrag leisten.

Was kann getan werden, um die Filterblasen auf Twitter zumindest aufzuweichen? Zunächst müsste Twitter Regelverstöße auf der Plattform, wie etwa Aufrufe zur Gewalt, konsequent ahnden und sanktionieren. Außerdem sollten Social-Bots, die darauf ausgerichtet sind, den Diskurs auf der Plattform zu verzerren, schneller identifiziert und entfernt werden. Dies könnte die gefährlichsten Auswirkungen der Twitter-Filterblase zumindest abmildern. Zur Abmilderung der Filterblase besitzt auch die Politik einige Mittel, Regulationen für die großen Plattformen, die zum Beispiel Hassrede begrenzen sollen, haben Auswirkungen auf die Netzwerke (Vgl. Andres/ Slivko, 2021, 24-25). Solche Gesetzesvorgaben sind aber kompliziert und bergen das Risiko, die Redefreiheit einzuschränken. Sie sollten daher gut durchdacht und professionell umgesetzt werden. Ein weiterer Ansatz ist sogenannte „Diverse Exposure“, welche bisher durch Browsererweiterungen gewährleistet werden kann. Beispielsweise werden den Nutzer*innen dabei unter Tweets von Nachrichtenportalen Tweets zum gleichen Thema von anderen Nachrichtenportalen (mit anderer politischer Schlagseite) angezeigt (Vgl. Oolkalar et al., 2019, 20).

Zumindest auf individueller Ebene kann man versuchen sich dem Sog der Filterblase zu widersetzen. Es hilft, die eigene Nutzung der Plattform zu regulieren  und die diskursive Bedeutung der Plattform, zumindest für Deutschland, nicht zu überschätzen, ohne gleichzeitig das gefährliche Potenzial der Plattform zu verleugnen.

 

Zwar berichten Medien gerne über das Geschehen auf Twitter, in Deutschland ist dort aber eigentlich wenig los.

 

 

 

Literaturverzeichnis

 

Andres, Raphaela/ Slivko, Olga (2021): Combating Online Hate Speech: The Impact of Legislation on Twitter [Discussion Paper], ZEW – Leipniz Centre for European Economic Research.

Burgess, Jean/ Baym, Nancy K. (2020): Twitter – A Biography, New York: NYU Press.

Lobe, Adrian (2020): Die algorithmisch gelenkte Öffentlichkeit, in: Gross, Raphael/ Lyon, Melanie/ Welzer, Harald (Hrsg.): Von Luther zu Twitter – Medien und Öffentlichkeit, Frankfurt a. M.: Fischer, S. 263-278.

Oolkalar, Ruchi/ Reddy, Kolli Vishal/ Gilbert, Eric (2019): Pop: Bursting News Filter Bubbles on Twitter Through Diverse Exposure, in: CSCW ’19: Conference Companion of the 2019 on Computer Supported Cooperative Work and Social Computing, 2019, S. 18-22.

Ovens, Carsten (2017): Filterblasen – Ausgangspunkte einer neuen, fremdverschuldeten Unmündigkeit, in: Kommunikation@gesellschaft, Jg. 18, Beitrag 7, S. 1-25.

Pariser, Eli (2011): The Filter Bubble – What the Internet is Hiding from You, London: Penguin.

Pariser, Eli (2012): Wie wir im Internet entmündigt werden, in: Kemper. Peter/ Mentzer, Alf/  Tillmanns, Julika (Hrsg.): Wirklichkeit 2.0 – Medienkultur im digitalen Zeitalter, Stuttgart: Reclam, S. 58-69.

Potter, Claire Bond (2020): Political Junkies – From Talk Radio to Twitter, How Alternative Media Hooked Us on Politics and Broke Our Democracy, New York: Hachette.

Stegemann, Patrick/ Musyal, Sören (2020): Die Rechte Mobilmachung – Wie Radikale Netzaktivisten die Demokratie angreifen, Berlin: Econ.